#10: Südaustralien – wo halb ist, wenn fast überall sonst auf der Welt Punkt ist

Wir haben den Grampians National Park schlussendlich einen Tag früher als geplant wieder verlassen. Auf diese Weise konnten wir uns eine lange Fahretappe auf zwei Tage aufteilen und bekamen «nebenbei» auch noch etwas mehr von der Umgebung mit, wo wir sonst nur durchgefahren wären. Ein Glücksfall, denn auf der Strecke gab es einiges zu entdecken. Wir waren erstaunt, wie viel wir innerhalb kurzer Zeit sozusagen «auf dem Weg» zu unserem eigentlichen (und letztem) Hauptziel – Kangaroo Island – sehen durften. Vielleicht lag es daran, dass wir unterwegs die Uhren eine halbe Stunde nach hinten stellen mussten und so 30 Minuten gewonnen haben? Oder doch eher daran, dass sich ein grosser Schwarm Kakadus auf unserem Campingplatz ebenfalls sehr wohl gefühlt hat und sich bereits frühmorgens lautstark bemerkbar gemacht hat? Wer noch nie einen Kakadu in Aktion gehört hat: Das sind keine melodiösen Singvögelchen, die dir etwas Schönes vorzwitschern. Geht eher Richtung Heavy Metal denn Kirchenchor…

Jedenfalls konnten wir uns die Fahrt durch verschiedene kürzere Stopps bestens portionieren. Wir bestaunten die Gärten im Umpherston Sinkhole, haben uns den Blue Lake angeschaut, der seine kitschig blaue Farbe jedoch nur in den Sommermonaten hat (weshalb das so ist, weiss man nicht genau), haben an einer Führung in die Tantanoola Caves teilgenommen und sind beim Küstenstädtchen Robe ein wenig dem Meer entlang spaziert. Am Schluss folgte dann noch eine längere, etwas öde Etappe, bis wir schliesslich unseren Campingplatz erreichten. Abends konnten wir sogar direkt aus dem Fenster Emus, Kaninchen und Kängurus beobachten – ein toller Abschluss eines abwechslungsreichen Tages.

Wir kommen Kangaroo Island immer näher… Eine Fähre bringt uns samt Campervan in knapp einer Stunde auf die Insel, die bekannt ist für ihre vielseitige Tierwelt und beeindruckende Landschaft. Am ersten Tag haben wir es uns kulinarisch gutgehen lassen: Zuerst haben wir uns durch das Sortiment (v.a. Eukalyptus- und Teebaumölprodukte) der Emu Ridge Eukalyptus Farm «gerochen» und uns anschliessend ein Mittagessen gegönnt. Nachdem wir auf der Clifford's Honey Farm etwas über fleissige Bienchen (genauer über die ligurischen Bienen, die auf Kangaroo Island im weltweit ältesten Bee Sanctuary leben), mussten wir natürlich auch gleich noch Honig-Glacé und entsprechende Honiggetränke probieren. Doch damit noch nicht genug: Lavendel Scones im Emu Bay Lavender Café konnten wir uns selbstverständlich ebenfalls nicht entgehen lassen. Klingt jetzt vielleicht ein wenig verfressen, aber an dieser Stelle möchten wir erwähnen: Wir haben beinahe immer selbst gekocht und können (abgesehen von diesem Tag) an einer Hand abzählen, wie oft wir im vergangenen Monat auswärts gegessen haben. Aber diesen Tag auf Kangaroo Island haben wir richtig genossen.

Gestärkt von den vielen Köstlichkeiten waren wir bereit auf eine geballte Ladung Tiere: Aus geringer Entfernung konnten wir Australian Sea Lions an der Seal Bay beobachten. Zurzeit kommen sie vor allem an Land, um sich von der anstrengenden Nahrungssuche im Meer zu erholen, zu verdauen und ihre Jungen zu säugen. Bei einer Vogelflug-Show lernten wir verschiedene einheimische Vögel besser kennen wie z.B. Weissbauchseeadler, Rabenkakadus oder Kookaburras. Im Tierpark nebenan durfte man Kängurus und Wallabies füttern. Das grösste Highlight aber bestand in der Möglichkeit, einen Koala zu halten und zu streicheln. Ein unvergessliches Erlebnis! Im Tierpark leben praktisch nur Tiere, welche aus verschiedensten Gründen in der freien Wildbahn nicht überleben würden. Viele der Koalas sind Opfer der katastrophalen Buschbrände, die 2019/2020 auf Kangaroo Island (und weiteren Teilen Australiens) gewütet haben. Der Koala-Bestand auf der Insel sank damals von ca. 48'000 Tieren auf ca. 8500 Tiere. Von den überlebenden Koalas haben sich viele schwere Verbrennungen an den Pfoten und im Gesicht zugezogen, als sie versuchten, von den glühend heissen Bäumen runterzuklettern. Einer davon war Alfie, den wir halten durften. Alfie ist ein circa 10kg schweres Koalamännchen. Er sei «ein wenig faul und halte sich vermutlich nicht selber an einem fest». Nein, das tat er tatsächlich nicht. Während er mit seinem stolzen Gewicht auf unserem Arm hing und genüsslich Eukalyptus mampfte, erzählte uns die Pflegerin vieles über Koalas, unter anderem, dass wir jetzt mindestens für den Rest des Tages nach Koala riechen würden. Koalamännchen besitzen an der Brust nämlich eine Duftdrüse, mit welcher sie ihr Revier (also ihre Bäume oder im jetzigen Fall uns :-)) markieren. Alfie wurde zwar immer schwerer auf unserem Arm und wir stanken immer mehr nach Koala, trotzdem hätten wir ihn gerne noch stundenlang weitergeknuddelt. Was uns Alfie nicht demonstriert hat, ist sein Brunftgebrüll. Eine Kostprobe haben wir jedoch noch am selben Abend von den Koalas auf unserem Campingplatz erhalten. Niemals würde man annehmen, dass diese verhältnismässig kleinen Tiere ein so lautes und furchteinflössendes Gebrüll produzieren können. Google gerne mal!

Nebst einer reichen Tierwelt, die man natürlich nicht nur in Tierparks, sondern auch in freier Wildbahn antrifft (und leider auch ganz viele – wirklich gaaaanz viele – tot am Strassenrand), hat Kangaroo Island auch spektakuläre Natur zu bieten: einladende Badebuchten mit kristallklarem Wasser, bizarre Felsformationen (am bekanntesten sind die Remarkable Rocks sowie der Admirals Arch) oder auch Höhlen. Eine davon ist die Kelly Hills Cave, welche im Rahmen einer geführten Tour besichtigt werden kann. Das aussergewöhnliche an dieser Höhlentour: ein audiovisuelles Erlebnis, in welchem man in rund 15 Minuten einer Erzählung von der Zeit, als Australien noch zum Superkontinent Gondwana gehörte bis in die Gegenwart, lauscht. Begleitet wird die Erzählung durch eine Lichtshow, welche die Höhle im wahrsten Sinne des Wortes in ein neues Licht rückt. Ebenfalls ein absolut tolles Erlebnis! Da wir die einzigen Besucher auf der ersten Morgentour waren, hatten wir die Höhle (abgesehen vom Guide) für uns allein, was alles noch spezieller machte. Wir sind zu einem sehr guten Zeitpunkt auf Kangaroo Island gekommen: Endlich sind nämlich die Schulferien vorbei. Der Tourismus auf Kangaroo Island ging praktisch von einem Tag auf den anderen von 100% auf gefühlt 5% zurück. Die wenigen Touristen haben sich gut auf der Insel verteilt (die Campingplätze waren fast menschenleer).

Wer denkt, dass es sich bei Kangaroo Island um ein kleines Inselchen handelt, der täuscht sich: Kangaroo Island ist die drittgrösste Insel Australiens und mit einer Fläche von 4’405 km2 mehr als doppelt so gross wie der Kanton St. Gallen. Doch wie der Zufall es wollte, sind wir an der Seal Bay auf zwei «alte Bekannte» gestossen. Wir standen mal wieder mit unseren Kameras bereit, um das Meer und die Wellen – also in diesem Fall eigentlich eher die Seelöwen in den Wellen – zu fotografieren. Da werden wir wieder angesprochen, ob wir die perfekte Welle erwischt hätten… Der aufmerksame Leser erinnert sich vielleicht: Im Blogbeitrag #08: Von zauberhaften Stränden, rauen Küsten und putzigen Tierbegegnungen gab es doch bereits mal eine solche Aussage… Richtig! Vor über zwei Wochen wurden wir im Wilsons Promontory Nationalpark von denselben Schweizern angesprochen. Dieses Mal haben wir dann auch tatsächlich ein paar Worte miteinander gewechselt ;-) Wer läuft uns am nächsten Tag im hintersten Winkel Kangaroo Islands wieder über den Weg? Dieselben Schweizer! Wieder plaudern wir (dieses Mal bei über 35 Grad auf einem Parkplatz) miteinander und finden heraus, dass wir nicht nur am selben Tag, am selben Ort und praktisch zur selben Zeit unsere Campervans übernommen haben (sie hat mitbekommen, dass wir das falsche Fahrzeug bekommen haben), sondern wir unsere Fahrzeuge auch am selben Tag und am selben Ort wieder abgeben. Was für ein unglaublicher Zufall! Am nächsten Tag stehen wir an einer Strassenkreuzung und wer fährt uns entgegen und winkt uns wie wild zu? Natürlich die Schweizer. Ob das noch als «Zufall» bezeichnet werden kann? Am Tag der Fahrzeugrückgabe waren wir dann etwas früher zurück in der Vermietstation und wollten es uns nicht entgehen lassen, die Schweizer nochmals zu sehen. Keine Stunde nach uns sind auch sie eingetrudelt. Fast in letzter Sekunde haben wir es dann tatsächlich noch geschafft, unsere Namen und Kontaktdaten auszutauschen. Liebe Gaby und lieber Role – es war uns wirklich eine grosse Freude, euch kennengelernt zu haben. Wir freuen uns immer wieder über eure Nachrichten. Wer weiss, vielleicht seid ihr ja im Herbst auch in Kanada unterwegs (jetzt, wo euch das Campingvirus gepackt hat)? Wir halten auf jeden Fall die Augen nach euch offen!

Der Abschied von unserem Campervan ist uns zugegebenermassen nicht allzu schwergefallen, auch wenn wir uns nach fast 5 Wochen und knapp 5000 km gut an ihn gewöhnt haben. Wir blicken auf eine absolut tolle und vielseitige Reise durch den Südosten Australiens zurück. Wir sind schon jetzt sehr gespannt, wie es im Westen, Norden und Zentrum Australiens sein wird. Zuerst aber freuen wir uns auf unseren Aufenthalt in Neuseeland (ohne giftige Tiere – juhuuu)!

Weitere Bilder von Kangaroo Island findest du in der Galerie.

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#11: Ein paar Zahlen & Fakten zu unserem Südostaustralien-Aufenthalt

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#09: Sollen wir es wagen? Ein Besuch im gezeichneten Grampians National Park